Das wahre Leben
Ich musste gestern eine Stunde Wartezeit in Münster überbrücken. Leider war das kleine Café, in dem ich sonst immer so gern gesessen habe im Umbau und alle anderen gastronomischen Einrichtungen in der Umgebung öffneten erst zur Mittagszeit. Also ging ich zum Rewe-Markt, in dessen Eingangsbereich eine ortsansässige Bäckerei ein kleines Bistro mit Sitzmöglichkeiten anbot. Ich bestellte mir einen Cappuchino und einen Croissant, setzte mich in die kleine Ecke neben dem Verkaufstresen auf die gepolsterte Bank, die gerade groß genug für zwei Leute war und holte mein Buch heraus: Ernest Hemmingways Roman "Paris - ein Fest fürs Leben". Ich war gerade im zweiten Kapitel angekommen, wo Hemmingway bei der Gertrud Stein, der Grande Dame der Pariser Kulturszene der 20er Jahre zu Besuch ist und sich von ihr sagen lassen muss, dass ein Teil seiner Geschichten, die sie gelesen hatte, "inaccrochable" (unpassend) seien, weil viel zu direkt und realistisch, da reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. "Ob hier noch frei sei" fragt ein Mann meines Alters, ein Tablett mit einem Kaffee und einem belegten Brötchen in der Hand. "Natürlich" antworte ich ihm und erwische mich bei dem Gedanken, dass ich im Stillen gehofft hatte, die Enge auf der Bank würde andere davon abhalten, sich dort hinzuzusetzen. Er zwängt sich sehr schwerfällig an mir vorbei auf die andere Bankseite und das erste, was ich wahrnehme ist sein sehr intensives, fast stechendes Eau de Toilettes. Ich versuchte mich wieder meiner Lektüre zuzuwenden als ich noch einen anderen Geruch hinter dem Parfüm registrierte: es war der Geruch von altem Urin, das Odeur der Inkontinenz. Diese Mischung machte es mir ziemlich schwer, mich wieder auf meine Lektüre zu konzentrieren.
Im nächsten Moment dringt von der Bäckertheke ein Schwall mehr lallender als artikulierter Sätze zu mir herüber. "Wieso der Kaffe hier 3,65€ kostet, wo es den doch bei Tchibo für 2,70€ gibt, und überhaupt: das sei alles so teuer hier". Der Versuch der Verkäuferin zu einer Erklärung verhallt im Nebel des Restalkohols vom Vorabend, ... oder war es vielleicht schon der neue vom Morgen? Ich weiß es nicht.
Als ich mich wieder meinem Buch zuwenden will schweift mein Blick vorbei an der großen Schaufensterscheibe am Eingang und hinter dem dicken Türpfeiler sehe ich ein Bein hervorschauen, das von einem recht schmutzigen, zerschlissenen Hosenbein verhüllt wird, daneben das Ende eines Krückstocks und einen Pappbecher, der auf dem Boden abgestellt ist.
Wo war ich stehen geblieben im Buch? Ach ja, Madame Stein fand Hemmingways Schilderungen "inaccrochable", weil zu direkt und realistisch. Dann hätte sie wohl diese Szenerie um mich herum als Geschichte auch unpassend gefunden, weil .... ja, warum eigentlich? Weil es das wahre Leben war? Real und direkt, ohne Schnörkel. Da saßen Inkontinenz, Alkoholismus und Armut um mich herum, das war die Realität. Ich denke, an diesem Punkt irrte Gertrud Stein. Auch dieses Leben ist kunst- und darstellungswürdig, so wie es die Steineklopfer von Gustave Courbet waren.
Irgendwie erinnert mich dies an die immer wiederkehrenden Diskussionen mit potentiellen Ausstellern meiner Bilder, an die ich meine Bewerbungen geschickt hatte.