Selbstoptimierung
Vor einiger Zeit traf ich mit einem jungen Mann zusammen, Mitte 20, Student und im Laufe des Treffens sprach er von einer "Definition" seiner selbst. Zunächst war ich erstaunt über so viel Abgeklärtheit in seinem jungen Alter, bis ich verstand: er sprach von seiner Zielsetzung im Fitness-Studio, definiert werden sollte sein Körper, bzw. seine Muskulatur.
Die Ernücherung meinerseits war entsprechend groß und ich versuchte mich zu erinnern, was mich in seinem Alter Mitte des Studiums in Berlin so umgetrieben hatte. Auch da war von Definition die Rede gewesen, aber gemeint war die politische Rolle des Individuums in der Gesellschaft, in letzter Konsequenz also weniger die Frage nach dem "Ich" als nach dem "Wir", nicht der Körper stand im Vordergrund sondern der Geist.
Wäre es nur dieser junge Mann, der solchen Intentionen folgt, müsste ich mir keine Gedanken machen, aber leider reiht er sich ein in eine illustre Schar von Menschen, die - angetrieben von dem Drang nach Selbstoptimierung - nur noch sich selbst im Focus haben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: als Sinnbild für diese Unsitte steht für mich die Flut der mit den eigenen Handies produzierten "Selfies", die in den medialen Kanälen so kursieren. Sie sind an Oberflächlichkeit kaum noch zu überbieten.
Als ich 2012 meine beiden großen Selbstbildnisse gemalt hatte, stand ich für jedes einzelne Bild tagelang vor der Leinwand, habe mein "Ich" versucht zu erforschen, zu ergründen, mit welchem Gesichtsausdruck ich die beiden Seelen in meiner Brust am klarsten und eindutigsten widerspiegeln könne.
Von derlei Antrieb sind die "Selbstoptimierer" leider weit entfernt. Was mich tröstet ist die Vergänglichkeit solcher Selfies. Manche sind schon einen Tag später wieder aus der Medienwelt verschwunden!
Zum Glück!