"SNAPSHOTS"  (Museum-Wilhelm-Morgner, 2018)

Laudatio des Kunsthistorikers Klaus Kösters, Drensteinfurt zur Vernissage der Ausstellung am 02. Dezember 2018




Das Schicksal des drei Jahre alten, ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi veränderte das künstlerische Selbstverständnis des Malers Rolf Löhrmann. Am 2. September 2015 wurde Aylan Kurdis kleiner Leichnam an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt, nachdem das Schlepperboot, mit dem die Familie nach Europa fliehen wollte, gekentert war. Die in Presse und Fernsehen veröffentlichen Fotos und Filme lösten weltweites Aufsehen aus.


(…)


Während er sich vorher mit eher formal-ästhetischen Gemälden von verlassenen Industrielandschaften und Spiegelungen beschäftigte, oder collageartig abstrakte Oberflächen zusammenfügte, gab das Schicksal des kleinen Jungen und die darauf folgende Mediendiskussion den Anstoß zu einer neuen und tiefgreifenden Standortbestimmung: Denn welche Aufgabe hat ein Künstler in einer Welt, die von Krieg und Verfolgung, Flucht und Tod, Gewalt und Repression bestimmt wird, eine Welt, die durch die mediale Berichterstattung oder Flüchtlinge in unserer Nachbarschaft in unser Alltagsleben drängt? Für Rolf Löhrmann stellte sich die Frage, ob er sich als Künstler noch länger im formalen Elfenbeinturm abstrakter Kompositionen aufhalten kann, oder ob er einen Weg suchen sollte, seine gesellschaftliche Verantwortung ernst zu nehmen und eine andere Form von Kunst anzustreben, eine Kunst, die bereit ist, die drängenden Probleme unserer Zeit aufzugreifen und der verrohenden Brutalität der kriegerischen Konflikte ethisch-humanistische Positionen entgegenzusetzen.


Rolf Löhrmann entschied sich für den Weg, den schon viele Künstler vor ihm gegangen sind und der in Zeiten postmoderner Beliebigkeit in Vergessenheit zu geraten schien, ein Weg, der zwar einer gängigen Vermarktung seiner Kunstwerke im Wege steht, dafür aber die moralische Befriedigung gibt, mit Hilfe seiner Bilder für die Menschen einzutreten, die durch Krieg und Verfolgung alles verloren haben - „Kollateralschäden“, wie es die Kriegführenden boshaft beteuern, um von ihrem eigenen, menschenverachtenden Zynismus abzulenken.


Löhrmanns Ausgangsmaterial sind Pressefotos oder Fotos aus dem Internet, die, wie er mir sagte, authentischer sind, da sie die Wahrheit ungeschminkter, direkter zeigen als die oft zensierten oder stilisierten Fotos der Massenmedien. Löhrmann verändert die Ausgangsfotos. Die Fülle der Details wird durch eine Malweise reduziert, die mit Hilfe von Acrylfarben klar abgegrenzte, monochrome Farbflächen aneinandersetzt, Das Motiv wird künstlerisch überformt, vereinfacht, farblich reduziert. Und je näher der Betrachter dem Bild kommt, um so mehr zerfällt es für ihn in einzelne Teile, einem Puzzle gleich, wie es der Maler selbst ausdrückt. Das auf den ersten Blick Erkannte wird verfremdet, erscheint rätselhaft, wird fragwürdig, d.h. stimuliert den Betrachter, sich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen als dies ein nur flüchtiger Blick gestattet. Das Grauen der Bildinhalte wird dabei einer ästhetischen Struktur unterworfen, die es erlaubt, die in den Massenmedien verbreitete Szene neu zu formulieren, d. h. durch künstlerische Verfremdung die Bildaussage zu intensivieren. Der Betrachter ist also aufgefordert, in der Wahrnehmung der Bilder einen eigenen Weg zu finden, um sich emotional und intellektuell den bildhaft dargestellten Opfern von Krieg und Vertreibung anzunähern. Um diesen Wahrnehmungsprozess nicht zu beeinflussen, verzichtet der Maler auf aussagekräftige Bildtitel.


Die Arbeit an den Gemälden hinterlässt im Künstler ihre Spuren, denn der Malprozess kann zur Qual werden. Und für die Betrachter laden die dargestellten Szenen absolut nicht dazu ein, sich am Motiv zu erfreuen. Es sind Bilder der Drangsal und der Barbarei, Bilder der Menschenverachtung und des grenzenlosen Leids. Sie dokumentieren einen erschreckenden Tiefstand von Mitmenschlichkeit, eine Bankrotterklärung von Kultur und Zivilisation, eine Stunde Null aller Ethik. Aber dennoch, aus der scharfen Anklage wächst der Protest. Es sind Bilder, die provozieren, die belästigen und aufrütteln.


Es ist keine Kunst, die die Schönheit der Welt feiert, wie dies in der klassischen Ästhetik Programm war, es ist eine Kunst, die auf die Menschen zugehen möchte, sie zum Nachdenken bringt, eine Kunst, die zwar die Welt nicht besser macht, aber Widerstand leistet, im Sinne dessen, was seit langem mit der europäischen Wertetradition verbunden ist und wir als „humanes oder christliches Handeln“ bezeichnen.


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Wenn also die Menschen sich in ihrem Verhalten nur wenig verändert haben, wenn die Mächtigen dieser Welt weiterhin ihr zerstörerisches, amoralisches Handeln im Sinne der Staatsräson oder irgendeiner Ideologie rechtfertigen, ist es dann nicht besser, wenn Künstler im Sinne der klassisch-bürgerlichen Ästhetik schöne Bilder malen, die eine heitere Welt der Vollkommenheit und inneren Harmonie suggerieren und uns ruhig stellen? Diese Welt des schönen Scheins ist bis heute verlockend geblieben. Und viele Betrachter von Kunst ziehen den schönen Schein einer beunruhigenden Wirklichkeit vor. Gesellschaftliche Konflikte werden dabei ausgeblendet, Kunst reduziert sich auf eine reine Betrachtungsästhetik, die der Philosoph Immanuel Kant vor über 200 Jahren mit „interesselosem Wohlgefallen“ bezeichnet hat. Aber seien wir ehrlich zueinander, eine solche Kunst des schönen Scheins hat uns alle irgendwann verführt, sie tut gut und ist dennoch eine Art Flucht aus der Realität. Denn unsere Welt ist von dem irdischen Paradies, das die alte Kunst erträumte, meilenweit entfernt.


Es ist aber zu fragen, ob die Kunst immer dem Ideal der Schönheit und Vollkommenheit huldigen muss, um gute Kunst zu sein? Muss Kunst uns die Illusion einer heilen Welt vorzeigen, um unseren Alltag erträglicher zu machen?


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Kunst muss ihren selbstgezimmerten Elfenbeinturm verlassen, wenn sie wirken will. Viele Künstler haben dies nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erkannt. George Grosz schrieb damals: „Wenn die Zeit sehr bewegt ist, wenn die Untergründe erschüttert sind, dann kann der Künstler nicht abseits stehen.“ Und an anderer Stelle: „Der Künstler, auch wenn er es nicht will oder nicht weiß, lebt in ständiger Wechselbeziehung zur Öffentlichkeit, zur Gesellschaft, und kann sich ihren Entwicklungstendenzen nicht entziehen….“


Diese Kunst begreift sich als Teil der Gesellschaft, der Künstler wird zum Mahner, manchmal zum Erneuerer und Revolutionär. Damit beginnt die moderne Avantgardekunst. Sie will gerade mit Hilfe der Kunst der Ausbeutung und Entfremdung des Menschen ein utopisches Reich der Kunst gegenüberstellen. Diese innerhalb der Kunst formulierte Sozialutopie zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Jahrhundert. Aber hat sie außerhalb der Kunst irgend etwas bewirkt?


Hatte also der französische Philosoph Jean Paul Sartre recht, wenn er angesichts des berühmten Bildes von Picasso „Guernica“ feststellte: „Und das Blutbad von Guernica, dieses Meisterwerk - glaubt man, es hätte einen einzigen für die spanische Sache gewonnen?“


Picassos „Guernica“ bleibt als moralische Instanz bestehen, auch wenn der spanische Bürgerkrieg und seine Opfer heute vergessen sind. Kunst vermag also doch etwas zu bewirken. Der Maler und Museumsdirektor Thomas Grochowiak formulierte das folgendermaßen: Bilder werden die Probleme dieser Welt nicht lösen, „aber sie können uns wach und hellsichtig machen, unser Bewusstsein und den Sinn für Gerechtigkeit zu schärfen, Missstände offen zu legen und Gefährdungen deutlich zu machen.“ Das ist nicht wenig, und viele Künstler haben in der Vergangenheit mit ihren Kunstwerken für eine bessere Welt gekämpft.


Rolf Löhrmann selbst betont seine Nähe zu den gesellschaftskritischen Künstlern der klassischen Moderne, wie Käthe Kollwitz, Otto Dix und George Grosz. Auch sie konnten mit ihrer Kunst den Faschismus und den Krieg nicht verhindern, im Rückblick verkörpern sie aber das bessere Deutschland, das der Humanität und des Pazifismus, welches der Nationalsozialismus trotz aller Anstrengungen nicht ausrotten konnte. Sie bleiben im kollektiven Gedächtnis als diejenigen, die Widerstand leisteten, gegen rassistische Hetze, ideologischen Fanatismus und menschenverachtende Kriegstreiberei.


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Ich könnte zahlreiche andere Künstler nennen, in deren Gefolge und Nachbarschaft sich Rolf Löhrmann bewegt. Ich möchte aber zum Abschluss noch einen anderen Gedanken anfügen, nämlich nach dem fragen, was engagierte, gesellschaftskritische Kunst in ihrem Kern auszeichnet.


Die Ausgangsfrage lautet: Besteht nicht ein immanenter Widerspruch zwischen den Inhalten der Bilder, die die grausamen Schattenseiten unserer Welt aufzeigen, und der Forderung, Kunst müsse formalen, ästhetischen Kriterien gehorchen, um gute Kunst zu werden? Muss Kunst zwangsläufig die schöne Form kultivieren, auch wenn die Inhalte es nicht sind? Für den Philosophen Friedrich Nietzsche lügen Dichtung und Kunst, wenn sie den illusionären schönen Schein über die Wahrheit, die Wirklichkeit des Lebens legen.


Es kommt letztlich darauf an, was man unter dem Begriff „schöner Schein“ versteht. Der Philosoph Ernst Bloch hat sich mit diesem Begriff auseinandergesetzt. In seinem Hauptwerk, Das Prinzip Hoffnung von 1959, betont er das Utopische in der Kunst, das, was noch nicht existent ist, aber in der Kunst vorweggenommen wird. „Vorschein“ nennt er dies und schreibt dazu: Vorschein erlangt die Kunst, „indem sie ihre Stoffe in Gestalten, Situationen, Handlungen, Landschaften zu Ende treibt, sie in Leid, Glück und Bedeutung zum ausgesagten Austrag bringt.“ Große Kunst zeigt demnach immer auch das Noch-nicht-Vollendete: „Das Wohlgefällige ist gebrochen, aufgebrochen, worin sich gerade die ästhetisch-utopische Bedeutung des Schönen zeigt.“


Der Lack des schönen Scheins bekommt Risse und gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit und Wahrheit. Denn die Welt ist nicht vollendet, sie ist mit den Worten Ernst Blochs „unbeschlossen, ungeschlossen“, sie bleibt Fragment. Die Wunschlandschaft der Kunst ist nicht die beruhigende Illusion oder die ästhetische Dekoration, sondern „Perspektive“, auf Zukunft orientiert, eine realmögliche Wunschlandschaft, die ohne alle Illusion den Menschen das zeigt, was noch nicht ist, also das was in der Kunst als schon hervorgetreten erscheint.


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In dieser Perspektive auf Zukunft, in dieser Utopie einer besseren, humaneren Welt liegt die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers. Indem die Bilder von Rolf Löhrmann das aktuelle Grauen nicht voyeuristisch ausbeuten, sondern künstlerisch neu formulieren, verbinden sie den künstlerischen Schein, so wie ihn Ernst Bloch verstand, mit dem Ideal tiefer Menschenliebe - ein Ideal, das zu erhalten ist und für das es sich zu kämpfen lohnt - auch durch das Aufzeigen des Schrecklichen und des Leidens der Unschuldigen. Aber auch Löhrmanns Bilder werden das schwere Los der Flüchtlinge und Kriegsopfer nicht lindern können, weder hier noch anderswo. Aber sie ermahnen uns, für den Erhalt der Menschenrechte einzutreten. Die Ästhetik verbindet sich mit der Ethik, wie das schon die antiken Philosophen Platon und Aristoteles forderten.




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Interview mit der Onlineplattform "SINGULART"



Warum sind Sie Künstler geworden?


Ich hatte das große Glück zu Schulzeiten bis zum Abitur einen jungen, vor Inspiration und Kraft strotzenden Kunsterzieher als Lehrer zu haben, der meinte, in mir künstlerische „Begabungen“ entdeckt zu haben und diese fördern zu wollen. Letztlich habe ich es seiner Initiative und Förderung zu verdanken, dass ich Kunst studiert habe und ein Stück weit auch in seine Fußstapfen getreten bin, denn auch ich wurde Kunsterzieher und habe mit viel Freude meinen Schülern versucht, das Potential der Kunst sowohl in der Rezeption als auch in der kreativen Arbeit nahezubringen. Seit meiner Pensionierung habe ich mich wieder verstärkt selbst an die praktische Arbeit gemacht (wer seinen Beruf als Lehrer ernst nimmt, dem bleibt nicht genügend Zeit und Kraft für eigene künstlerische Diskurse) und letztendlich den Faden wieder aufgenommen, den ich irgendwann im Schuldienst fallen lassen musste. Gleich wie: Künstler bin ich damals wie heute aus Überzeugung!



Woher nehmen Sie Ihre Kreativität und woher kommen Ihre Inspirationen?


Hier möchte ich gern Pablo Picasso zitieren mit seinen Worten angesichts des Dramas um die Bombardierung der Stadt Guernica im spanischen Bürgerkrieg:

"Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern,  dass ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann."

Mein Antrieb sind meine Wut, meine manchmal empfundene Ohnmacht, mein Entsetzen, aber auch meine Hoffnung auf Änderung gegenüber dem Irrsinn, der in unserer Welt tagtäglich sichtbar wird und vor dem wir allzu gern die Augen verschließen. Ich will mit meiner Arbeit versuchen, die Dinge, über die wir hinwegsehen, die uns teilweise auch die Medien - aus welchen Gründen auch immer - vorenthalten und uns damit zur Unmündigkeit verurteilen ans Licht zu zerren und dauerhafter machen als nur für einen Sekundenspot in den Nachrichten.

Es sind oftmals die Printmedien, die mir die Vorlagen für meine Arbeit bieten oder das Internet mit seiner Bilderflut. Meine Arbeit beginnt mit der Recherche und mündet in eine verdichtete bildnerische Form des im Foto vorhandenen Potentials durch Reduktion von Fläche und Farbe bis hin zum Monochromen.



Was möchten Sie mit Ihrer Kunst vermitteln?


Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern betrachte ich die Kunst nicht als „zweckfrei“. Im Gegenteil - mir sind mit meiner künstlerischen Ausbildung und meinem kreativen Potential  Mittel an die Hand gegeben worden, die ich nicht mit „Zwecklosigkeit“ vergeuden will. Ich habe die Möglichkeit, mit meiner Arbeit Menschen zu erreichen, sie zum Nachdenken zu bringen und vielleicht zu Erkenntnissen zu führen, die in der Bestätigung einer schon vorhandenen Einsicht oder gar in der Veränderung einer Haltung und eines Denkens münden, aus dem am Schluss bestenfalls ein Handeln resultiert - ein Handeln in und für diese Gesellschaft, in der wir leben.

Wohnzimmerdekoration ist nicht mein Ding, das überlasse ich anderen.



Wie kann man sich Ihr Atelier vorstellen?


Mein Atelier ist der Ort, wo ich ganz bei mir ankomme, wo es nichts außer der Kunst gibt. Hier darf ich tun und lassen, was ich will. Es ist keine Halle, keine Fabriketage - es ist ein Raum - aber Größe bemisst sich für mich eben nicht in Quadratmetern, sondern in Freiräumen.



Inwiefern beeinflussen politische Geschehnisse Ihr künstlerisches Werk?


Das tägliche Weltgeschehen ist die Urquelle meiner Arbeit. Als politisch verantwortlich denkendes und handelndes Individuum kann ich im Moment gar nicht anders, als in meiner künstlerischen Arbeit den (Wahn-)Sinn dieser Welt zu verarbeiten und ich kann mir sicher sein, dass diese Quelle nie versiegen wird.



Link zum Interview bei SINGULART >>hier>>


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"SNAPSHOTS"  (KLOSTER BENTLAGE, 2018)


Jan-Christoph Tonigs, künstlerischer Leiter von Kloster Bentlage am 18. Februar 2018 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung




"The more I know the more confused I get.


Je mehr ich weiß, desto weniger verstehe ich. Je näher ich hinsehe, desto weniger erkenne ich. Das ist ein Paradox in einer Ausstellungsreihe, die sich „Von Nahem betrachtet“ (*) nennt. Sie sind beim Hereinkommen dem Mann entgegengegangen, der seine Mutter stützt. Ein klares Bild, klare Konturen, ein charaktervolles Motiv, zwei Menschen, die wir über die ganze Distanz des Kreuzgangs abschätzen, einordnen, uns eine vorläufige Biografie zusammenreimen – Herkunft naher Osten, Krisengebiet, Bürgerkriegsregion, Verlust von Hab und Gut, Verlust von Angehörigen, Verlust der Heimat, Verlust der eigenen Zugehörigkeit und Identität. Abgleichen mit bisherigen Seherfahrungen, Medienbildern, die zu unserem Alltag gehören und uns etwas darstellen und begreifbar machen wollen.

Je näher wir jetzt dem Mann entgegengehen, desto ungenauer wird unser Bild. Was einige Schritte zuvor noch klar zuzuordnen war – dies ist eine Falte im Stoff seiner Kleidung, das ist eine Verletzung – verschwimmt vor unseren Augen. Sind wir schließlich ganz nah, ist es nur eine Gruppierung von Flächen, scharf umgrenzt, klar in den Konturen als helle oder dunkle amorphe Elemente voneinander zu trennen – aber nicht mehr zu erkennen. Also wieder ein paar Schritte zurück und da erscheint aus dem Gewusel wieder das Bild, doch die Gewissheit vom Anfang ist dahin.


Das entspricht unserer Wahrnehmungsphysiologie: Das Bild entsteht ja nicht im Auge, sondern im Hirn, das über den Sehnerv einzelne Bildinformationen empfängt, sie allmählich zusammensetzt und mit erinnerten Bildern abgleicht. So wird aus grünen Flächen mit bunten Punkten eine Wiese erkannt und beim näheren Hinsehen als solche verifiziert. Wir kennen das aus der impressionistischen Malerei oder auch dem Pointilismus, die auf der Leinwand ein Nebeneinander von Farbpunkten oder Miniaturexplosionen von Pinselstrichen anlegen, und deren Magie aus dem Auflösen und Wiedererstehen des Bildes entspringt.

Die Bilder, die Rolf Löhrmann hier wiedererstehen lässt, glauben wir schon mal gesehen zu haben. Und gleich wieder weggesehen zu haben. Bevor ein Bild zu nahe kommt. Aber dann ist es schon zu spät. Wegsehen hilft nicht. Wir werden im Alltag über die Medien mit diesen Bildern, die wir eigentlich lieber nicht sehen würden und die uns jetzt in dieser Ausstellung umgeben, permanent konfrontiert. Wir versuchen auszuweichen – und in dem Moment gleitet das Bild an unserem Bewusstsein vorbei und nistet sich im Unbewussten ein, dort in bester Gesellschaft mit unseren Ängsten und Verdrängungen, die sich von diesen Bildern nähren.

Tod, Zerstörung, Verzweiflung, Flucht, Scheitern, Aufgeben, Tod. Abgrund. Qual. Trauma. Tod. Ich hatte an dieser Stelle angefangen, Orte und Länder aufzuzählen, die wir alle nachzählen könnten und habe es wieder gelassen. Sie verkommen zu stereotypen Synonymen für etwas, was sich gar nicht beschreiben lässt.

Das ist unerträglich. Bilder aus allen Teilen der Welt, die uns hilflos machen, Bilder einer tödlich verletzten Welt, die auch in uns etwas verletzen, während wir wissen, dass unsere so erlittenen Blessuren nichtig sind angesichts der Verheerungen, die diese Bilder repräsentieren.

Wir leiden. Aber – da muss ich Rolf Löhrmann, der uns zu Mitleidenden machen möchte, etwas widersprechen – wir leiden nicht mit. Am letztlich unermesslichen Leid der unbekannten und durch die ewige mediale Wiederholung scheinbar wiedererkannten Menschen, denen wir auf den Bildern begegnen, können wir nicht teilhaben. Wir leiden gleichzeitig, aber in ganz anderem Kontext und Ausmaß. Wir sehen hin und weg und leiden an der Welt, während die Menschen auf den Bildern

in der Welt, in ihrer Welt leiden. Wir bleiben außen vor – und dürfen uns dafür über alle Maßen glücklich schätzen. Doch dieses Außen-vor-sein ist Teil der Unerträglichkeit unseres Seins, die wir empfinden und irgendwie aushalten müssen.

Das Unerträglichste ist dabei vielleicht: das Leiden (auch unser Leiden) ist keine Folge einer Naturkatastrophe. Es ist die Katastrophe unserer menschlichen Natur. Das ist es vor allem, was so grausam ist. Dass wir so grausam sein können.

Damit konfrontiert uns Rolf Löhrmann in seiner Kunst. Er greift mitten hinein in den medialen Bilderfluss, der sich in den unbewussten Schichten hinter unserer Netzhaut abgelagert hat und zerrt Bildfragmente ans Licht. Er vergrößert sie, löst sie aus dem ursprünglichen Kontext, der uns mit einer Orts und Zeitangabe versorgt und über die Person auf dem Bild eigentlich gar nichts aussagt. Übrig bleibt der eine unmenschliche Augenblick, der Anblick des fremden Leids, der unverstellt zeigt, was dieser Person angetan wurde.


Dabei greift Rolf Löhrmann zum Mittel der künstlerischen Verfremdung, ein weiterer Schritt, um der Essenz des Bildmotivs näher zu kommen. Die Bildgrundlage ist ein fotografisches Dokument, ein Schnappschuss aus der Realität, einer Realität, die für uns Außen-vor-Seiende irreal bleiben muss.

Das Auflösen in Flächen, das Verwerfen und Ersetzen der ursprünglichen Farbinformation ist ein Eingriff, der unsere Sehgewohnheiten außer Kraft setzt. Und es uns damit unmöglich macht, dem Bild auszuweichen. Die ursprüngliche Bildwirklichkeit scheint vor allem in den neuen, monochromen Bildern, die wir in den Salons und im westlichen Kreuzgang sehen, zu verschwinden, dunkel in dunkel, hell in hell, rot in rot. Aber wir wollen doch wissen, was da zu sehen ist. Also müssen wir richtig hinsehen, es näher betrachten, und schon sind wir mitten drin. Mitten im Bild und mitten im Leid.


Aber warum sollen wir uns das antun, uns anzusehen, was andere anderen antun? Warum setzt sich der Künstler dem aus – und es wird wohl niemanden geben, der diese Bilder hier intensiver angesehen hat als Rolf Löhrmann. Und er ist ja in guter Gesellschaft; grauenvolle Motive ziehen sich durch die Kunstgeschichte. In der kirchlichen Kunst begegnet uns das Leiden als eines der Hauptthemen, oft in drastischer Form, nicht nur das Leiden Christi am Kreuz, nicht nur die Märtyrer, auch das Leiden der Angehörigen, deren seelische Kollateralschäden wir auf Friesen, Altarbildern und in Marmor festgehalten sehen. Sie sind – wie die heutigen Medienbilder – Teil unserer Bildwelt, sind zu Bildvorlagen geworden, wie allen voran die Pieta, die um den Sohn trauernde Mutter, die uns in den aktuellen Medienbildern – bewusst gesetzt oder auch einfach aus der Analogie der jeweiligen Situation heraus – wiederbegegnen.

Francisco de Goyas „Die Erschießung der Aufständischen“ und Grafiken aus der Serie „Die Schrecken des Krieges“ drängen sich auf, Guernica von Pablo Picasso. Otto Dix und die Kriegskrüppel. Und so weiter.

Grauen-volle Kunst. Und wir können nicht umhin, dabei zu bemerken, dass dies eben auch Kunstwerke sind, kunstvoll gearbeitet, mit feiner Technik, sorgfältig komponiert. Vielleicht sogar schön, ein Farbrausch, ein künstlerischer Gestaltungswille, der scheinbar im Widerspruch zur   brutalen Konfrontation steht. Aber das alles ist Mittel zum Zweck, eine Einladung zum Hinsehen – und irgendwie puffert die künstlerische Hebung auch ein wenig, hilft uns über die erste Wahrnehmungsschwelle.


Wir begegnen in den Bildern dieser Ausstellung den beiden Seiten des Menschen. Dem Zerstörer und dem Gestalter. Eine künstlerische Übertragung ist auch ein Prozess der Welt- bzw. Realitätsaneignung, ein Versuch der Vergewisserung – eben auch der Schrecklichkeit in der Welt. Vielleicht kann man es auch als den Versuch verstehen, dem Schrecken eine positive Geste entgegenzusetzen.

Eine heilende Geste, die nicht wieder gut machen kann, aber die zum Ausdruck bringt, dass wir Menschen auch anders sein können, nicht nur katastrophal destruktiv, sondern eben auch kreativ. Es geht hier auch darum, dem Schrecken nicht die Macht der Bilder und vor allem nicht die Macht über die Bilder zu überlassen.

Den Schrecken ins Bewusstsein zu holen kann verhindern, dass er im Unbewussten unkontrolliert sich ausbreiten kann, diffuse Ängste befördert, die wiederum den Boden bereiten für Feindseligkeit und Aggression.

Also sehen wir bewusst hin. Und verlieren uns nicht im Leiden, sondern machen uns bewusst, dass wir ein Teil davon sind. Und deshalb nicht hilflos dastehen und nur zuschauen müssen. Wenn wir ein Teil dieser Realität sind, können wir unseren Teil dazu beitragen, das Leiden zu lindern. Wir können uns nicht vor die Geschütze stellen und versuchen, die Geschosse aufzuhalten. Wir können wahrscheinlich auch nicht bestimmte EU-Staaten dazu zwingen, offener gegenüber Geflüchteten zu sein.

Aber wir können vor Ort den angstgesteuerten Hetzern zeigen, dass ein Zusammenleben in Vielfalt funktionieren kann (und zur Vielfalt gehören auch die Interessenskonflikte, die man aber mit gutem Willen lösen kann). Wir können unsere Gesellschaft weniger mitleidend als vielmehr mitmenschlich gestalten.

Und niemand zwingt uns, Geld in Aktiengesellschaften zu investieren, die Rüstungsgüter in Krisengebiete exportieren. Wir können immer wieder versuchen, unser Leben ressourcenschonend zu führen, denn letzten Endes werden alle Kriege auf der Welt - entgegen allen anderen Behauptungen ("Religion", "ethnische Zugehörigkeit", "Gerechtigkeit") - um den Besitz von und den Einfluss auf Ressourcen geführt.


The more I know, the more confused I get. Je mehr ich über die Verstrickungen in der Welt erfahre, desto weniger weiß ich, was ich davon halten soll. Wie komplex alles zusammenhängt. Aber wir dürfen nicht abstumpfen. Nicht aufhören zu hoffen, dass sich Dinge auch zum Guten wenden können. Weil es das Gute gibt. Das sehen wir, wenn wir uns bewusst umschauen. Und wenn wir hier in der Ausstellung bewusst hinschauen, diese gnadenlosen Bilder von Nahem betrachten, sollte uns die Verzweiflung der Menschen, denen wir in ihnen begegnen, dazu mahnen, unsere Hoffnung nicht aufzugeben."





ROLF  LÖHRMANN

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